Schüler spielen Regierungschef
ddp_politik - Hannover (ddp-nrd). Mit Megafonen laufen die Jugendlichen durch den niedersächsischen Landtag. Lautstark protestieren sie gegen die Menschenrechtsverletzungen in China. Was nach einer ernsthaften Demonstration aussieht, ist an diesem Mittwoch ...
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ddp_politik - Hannover (ddp-nrd). Mit Megafonen laufen die Jugendlichen durch den niedersächsischen Landtag. Lautstark protestieren sie gegen die Menschenrechtsverletzungen in China. Was nach einer ernsthaften Demonstration aussieht, ist an diesem Mittwoch aber nur ein Spiel: Die Schüler nehmen an einer Simulation der Bundeswehr zum Thema Sicherheitspolitik und Wirtschaft teil. Insgesamt 45 Schüler von zwölf Schulen rund um Hannover schlüpfen für die Simulation «POL&IS» drei Tage in die Rollen von Regierungschefs und Ministern unterschiedlichster Regionen wie Nordamerika, Afrika oder Asien. An Schulen quer durch die Republik war «POL&IS» schon zu Gast.
«Wir Oppositionsführer aller Länder haben die Protestaktion bereits gestern Abend geplant«, sagt Christanja König, während sie mit ihrem Megafon durch den Landtag von Hannover läuft. König ist Schülerin der Humboldtschule in der Landeshauptstadt. Während des Spiels mimt sie aber eine Oppositionsführerin in Japan. «In den Arbeitsräumen der realen Politik können wir die Simulation viel authentischer durchführen», sagt Oberst Paul Bacher, Kommandeur des Landeskommandos Niedersachsen.
Allerdings nicht jeder ist damit einverstanden, dass die Bundeswehr im Landtag eine Simulation für Schüler veranstaltet. Die Linkspartei kritisiert, dass im Landtag «Kriegsspiele der Bundeswehr» zu Gast sein dürften. Dies sei «ein Zeichen der zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft», rügt Manfred Sohn, Vorsitzender der Linksfraktion.
Jugendoffizier Martin Fedorowicz weist die Kritik zurück. «Wir legen bei dem Spiel sehr viel Wert auf die friedliche Lösung von Konflikten», betont der Hauptmann. Es gebe zwar wie auch in der realen Welt militärische Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung, die Schüler sollen diese Option aber als letztes Mittel benutzen. Ziel sei es vor allem, den Jugendlichen mehr Wissen über die Prozesse der Weltpolitik zu vermitteln und ihr Interesse daran zu wecken.
«Ein Kriegsspiel ist das eigentlich nicht», meint auch Christian Wendisch, Gymnasiast an der Humboldtschule in Hannover. Es sei zwar klar, dass die Bundeswehr die Simulation als Eigenwerbung nutze, aber das Spiel sei eher eine Wirtschaftssimulation, und Rekrutierungsversuche der Bundeswehr habe er noch nicht mitbekommen. Mitschülerin Joana Smith ist ebenfalls positiv beeindruckt. «Man glaubt gar nicht, wie umfangreich das Spiel ist», sagt sie.
Damit die Jugendlichen von der Komplexität des Spiels nicht überfordert werden, werden sie von vier Jugendoffizieren betreut. Sie weisen in das Regelwerk ein und dienen als Berater bei schwierigen Fragen. «Was braucht denn jedes Land am meisten'», fragt einer der Jugendoffiziere in die Runde. «Essen und Trinken», ruft ein Schüler. Durch dieses Frage-Antwort-Spiel ergibt sich nach und nach ein Wirtschaftskreislauf, den die Spieler für ihre Simulation brauchen.
Der Ablauf der Simulation findet in einem sogenannten «POL&IS»-Jahr statt. Die Schüler schließen Verträge und Bündnisse ab, erarbeiten Wirtschaftsprogramme oder versuchen gar einen Putsch. «In China ist heute bereits eine Guerilla-Truppe entstanden», sagt Hauptmann Fedorowicz mit einem Schmunzeln. Am Ende eines Jahres müssen die Schüler dann ihre Bilanzen und Programme vorstellen. Mit Punkten und «POL&IS»-Dollars werden sie belohnt. Eine »Weltpresse» informiert über Katastrophen und Hungersnöte. Selbst eine UN-Vollversammlung ist Bestandteil von «POL&IS».
«Am Ende der gesamten Simulation gibt es aber keine Gewinner und Verlierer», betont Hauptmann Fedorowicz. Damit unterscheidet sich «POL&IS» dann doch von der Realität. Dort sind nämlich fast immer die Länder der Dritten Welt die Verlierer.
(ddp)
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